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Isa Lange/Uni Hildesheim
Neue Studie: Integration und Migration im Schulbuch

Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

„Formuliere mögliche Zukunftswege für ausländische Kinder” – steht als Aufgabe in einem Schulbuch. Es gelingt vielen Büchern noch nicht, die gesellschaftliche Vielfalt, etwa den Alltag von Familien mit Migrationsgeschichte, als normal abzubilden und Chancen von Migration aufzuzeigen, sagt Professorin Viola Georgi von der Uni Hildesheim anlässlich der Veröffentlichung der „Schulbuchstudie Migration und Integration“. Ein Team des Georg-Eckert-Instituts unter der Leitung von Inga Niehaus und die Erziehungswissenschaftlerin 65 Schulbücher in den Fächern Sozialkunde, Politik, Geschichte, Geografie aus fünf Bundesländern untersucht.

Staatsministerin Aydan Özoğuz hat am 17. März 2015 in Berlin die „Schulbuchstudie Migration und Integration“ vorgestellt. Schulbücher vermitteln nicht nur Fachwissen, sondern auch Werte und Normen. Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration hat das „Georg-Eckert-Institut – Leibniz Institut für Internationale Schulbuchforschung” (GEI) in Zusammenarbeit mit dem „Zentrum für Bildungsintegration” an der Stiftung Universität Hildesheim beauftragt, eine Analyse zur Darstellung von Migration und Integration in Schulbüchern durchzuführen. Die Studie spricht Empfehlungen für die Bildungspraxis und -politik aus, wie eine zeitgemäße Darstellung von Vielfalt in Schulbüchern gelingen kann. “Ich empfehle, dass nicht nur die Schulbuchverlage, sondern auch die Lehrerinnen und Lehrer und Bildungsverwaltungen der Länder die Schulbuchstudie ‘Migration und Integration’ als Anregung nutzen”, so die Staatsministerin Aydan Özoğuz. „Ein ermutigendes Ergebnis der Studie ist, dass in den Sozialkundebüchern Deutschland explizit als ein Einwanderungsland, in dem Menschen unterschiedlichster Herkunft ihre Heimat haben, beschrieben wird.”

Dr. Inga Niehaus hat die Studie am Georg-Eckert-Institut geleitet. Zum Team der Schulbuchforscher gehören die Autoren der Studie, Rosa Hoppe und Dr. Marcus Otto. Die Forschungsbibliothek des GEI in Braunschweig umfasst mit 175.000 Schulbüchern aus 160 Ländern eine weltweit einzigartige Sammlung der Fächer Geschichte, Sozialkunde, Geographie und Religion. Beteiligt an der Studie ist auch Professorin Viola B. Georgi. Mit dem Thema Schulbücher und Bildungsmedien befasst sich die Erziehungswissenschaftlerin an der Universität in Hildesheim. Dabei bindet sie auch Studierende der Erziehungswissenschaften und des Lehramts ein. Sie lehrt und forscht im Bereich Diversity Education, befasst sich mit Vielfalt im Schulalltag, an Kitas und Hochschulen.

Online lesen: „Schulbuchstudie Migration und Integration” (PDF)

Presseinformation des Georg-Eckert-Instituts

Interview mit Professorin Viola Georgi als PDF

Nachgefragt bei Professorin Viola Georgi: Wie Schulbücher Migration und Integration darstellen

Weshalb sind Schulbücher eigentlich ein wichtiger Gegenstand von Forschung?

Viola Georgi: Schulbücher sollen gesellschaftlich als relevant und richtig erachtetes Wissen bereitstellen. Es geht um Weltbilder, gesellschaftliche Werte und Regeln, die via didaktischer Aufbereitung in der Schule an die nächsten Generationen weitergegeben werden sollen. Schulbücher müssen sich an staatlichen Rahmenplänen orientieren und offiziell genehmigt werden. Schulbücher repräsentieren anerkanntes und staatlich legitimiertes Wissen. Sie verfügen daher über eine gewisse Autorität und gelten als lehrreich. Wenngleich Schulbücher nach wie vor ein wichtiges Bildungsmedium darstellen, sollten sie jedoch m.E. in ihrer Wirkung nicht überschätzt werden. Denn was genau aus den Schulbuchinhalten bei den Lernenden ankommt, hängt auch ganz maßgeblich davon ab, wie die Lehrenden mit dem Schulbuch umgehen und welche ergänzenden Materialien sie zum Einsatz bringen. Aufgrund der gesellschaftlichen, bildungspolitischen und bildungspraktischen Relevanz von Schulbüchern ist es für die Umsetzung von diversitätssensibler Bildung aber dennoch notwendig, Lehrmittel zu entwickeln, die einen inklusiven Unterricht unterstützen.

Was haben Sie in der Studie untersucht?

Die Studie geht der Frage nach, wie Migration und Integration in Bezug auf gesellschaftliche Vielfalt in deutschen Schulbüchern dargestellt werden und inwiefern Schulbücher zu einer zunehmenden Akzeptanz von Diversität als gesellschaftlicher Normalität beitragen können. Die Untersuchung bezieht sich auf die Tatsache, dass sich Deutschland in den letzten Jahrzehnten zu einem modernen Einwanderungsland entwickelt hat. Vielfalt im Klassenzimmer ist längst zur Regel geworden und die Auswirkungen auf das Bildungssystem sind nicht zu übersehen. Der Fokus der Studie liegt auf den Schwerpunkten „Diversity – Abbildung einwanderungsbedingter Vielfalt“ und „Partizipation – gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund.

Wie viele und welche Schulbücher haben Sie untersucht?

Insgesamt haben wir 65 aktuell zugelassene Schulbücher aus fünf Bundesländern untersucht. Dazu gehörten Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Berlin und Brandenburg. Die qualitative Analyse bezieht sich auf Schulbücher der Sekundarstufen I in den Fächern Sozialkunde, Politik, Geschichte und Geografie.

Was sind die Befunde?

Die von uns untersuchten Schulbücher spiegeln größtenteils dominante gesellschaftliche Diskurse wider, wie zum Beispiel die sich hartnäckig behauptende Position, dass Migration in erster Linie Probleme verursache und konfliktbeladen sei. Zum Teil hinken die Bücher den neueren Entwicklungen und Erkenntnissen der Wissenschaft hinterher, das heißt, es fällt ihnen schwer die demografische Realität – also die deutsche Einwanderungsgesellschaft – zeitgemäß in Bild und Text zu fassen. Es gelingt ihnen bisher noch nicht, die migrationsbedingte Vielfalt als normal zu begreifen und auch die Potentiale von Migration und Diversität zu erkennen und zu vermitteln. Stattdessen werden wir mit Darstellungen konfrontiert, die sich nur schwer von Stereotypen lösen können. Migranten werden nur selten als aktiv Handelnde, sondern eher als Bedürftige und oft als Opfer gesellschaftlicher Umstände präsentiert. Viele Schulbuchdarstellungen verfallen zudem immer wieder in das Muster „Wir“ und „Sie“, „eigen“ und „fremd“, wobei sich ein Integrationsverständnis offenbart, das davon ausgeht, dass es vor allem die Menschen mit Zuwanderungsgeschichte sind, die Anpassungsleistungen an die „deutsche Gesellschaft“ erbringen müssen. Dass ist problematisch, da auf diese Weise der Mythos eines homogenen deutschen Kollektivs aufrechterhalten wird. Migranten werden immer wieder als die Anderen, als die diesem Kollektiv Gegenüberstehenden präsentiert. Auch lässt sich ein fahrlässiger Umgang mit Bezeichnungen ausmachen. In manchen Schulbüchern werden die Begriffe „Ausländer“, „Fremde“ und „Menschen mit Migrationshintergrund“ synonym verwendet.

Sie haben auch die Arbeitsaufträge in den Schulbüchern unter die Lupe genommen. Was lässt sich dazu sagen?

Häufig sind die Arbeitsaufträge aus Perspektive der Dominanzgesellschaft formuliert. Besonders augenfällig wird das in Aufgabenstellungen, die die Schüler explizit einer Herkunft zuweisen, wie zum Beispiel „Fragt einen Schüler mit Migrationshintergrund in eurer Klasse, wie seine Familie zu uns nach Deutschland gekommen ist“ oder die Aufforderung, die Klasse mal in ausländische und deutsche Schüler zu teilen, um eine bestimmte Aufgabe zu lösen. Oft werden Kinder und Jugendliche aus Einwandererfamilien zum Untersuchungsobjekt ihrer Mitschüler ohne Migrationshintergrund, die zum Beispiel dazu aufgefordert werden „fremde Kulturen am Schulort“ zu untersuchen oder darüber diskutieren sollen, welche Erfahrungen sie mit Aussiedlern gemacht haben. Für die Schüler aus Einwandererfamilien bedeutet das, ständig die Erfahrung zu machen, auf die Herkunft verwiesen zu werden. Das macht es schwer, ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Sie werden aus der Klasse herausgehoben, besonders bzw. anders „gemacht“ und müssen – im Gegensatz zu ihren Mitschülern ohne Migrationsgeschichte – häufig private Auskunft über ihre vermeintlich andere Lebensweise, ihre Familie oder ihre Religion geben, in einem Rahmen, in dem sie das vielleicht gar nicht möchten.

Welche Rolle spielt die Lehrerausbildung für das Erlernen eines kritischen Umgangs mit Bildungsmedien? Welche Konzepte können hier tragen?

Der Diversity-Ansatz ist m.E. eine wichtige Strategie auf dem Weg zu einem pluralen demokratischen Gesellschaftsverständnis. In einem solchen Selbstverständnis ist Diversität der Normalfall. Schlicht gesagt: Es ist normal, verschieden zu sein. Die Auseinandersetzung mit Heterogenität ist Teil unseres Alltags. Differenz – etwa die Migrationserfahrung – ist dann nicht als „Abweichung“ zu definieren, sondern stellt lediglich einen Aspekt menschlicher Identität dar. Die vielfältigen individuellen und kollektiven Unterschiede werden als selbstverständlich begriffen und zum Ausgangspunkt von Lernprozessen gemacht. Das gilt für Kita, Schule und Hochschule gleichermaßen. Zugleich handelt es sich bei „Diversity Education“ um eine Perspektive, die bewusst auch die gesellschaftlichen Dominanz- und Ungleichheitsverhältnisse in den Blick nimmt. Durch eine dezidierte Antidiskriminierungsperspektive, die an den Menschenrechten ausgerichtet ist, wird die Gleichstellung von Verschiedenen angestrebt. Das geschieht zum Beispiel auch über die angemessene Repräsentation, Anerkennung, Wertschätzung und Inklusion von Verschiedenheit in Schulbüchern und anderen Bildungsmedien. Ganz entscheidend ist hierbei, dass die Lehr- und Lernmaterialien auf Lehrkräfte treffen, die die notwendigen pädagogischen und fachdidaktischen  Kompetenzen mitbringen, um einen diversitätssensiblen Unterricht zu gestalten. Hier sehe ich aber in der deutschen Lehrerausbildung noch großen Nachholbedarf.  Es bedarf m.E. vielerorts einer systematischen curricularen Verankerung von Diversity-Themen (etwa Migration, Mehrsprachigkeit, Inklusion, Interkulturalität) in der Lehreraus- und -fortbildung. Hier kann dann ein kritischer, ungleichheits- und diversitätssensibler Umgang mit Unterrichtsmaterialen eingeübt werden.

Was kann man tun, damit sich die Inhalte der Schulbücher verändern?

Verlage müssen die Befunde der Schulbuchforschung zunächst einmal überhaupt erst zur Kenntnis nehmen und als mögliches Korrektiv der eigenen Arbeit anerkennen. Darüber hinaus wäre es sehr sinnvoll, Autoren regelmäßig thematisch weiterzubilden und auch Schulbuchautorinnen und -autoren mit Migrationshintergrund zu rekrutieren. Schließlich halte ich ein zusätzliches kritisches Lektorat durch Fachwissenschaftler und Fachdidaktiker für ratsam. Ich möchte aber nicht versäumen, auf den komplexen Produktionsprozess von Schulbüchern hinzuweisen, der sich u.a. an staatlichen Rahmenplänen für die Schulen orientieren muss. Auch in diesen Rahmenplänen – von Bundesland zu Bundesland verschieden – stecken manchmal problematische Vorgaben, wenn z.B. verlangt wird, dass die Lernenden sich mit „Fremdem“ und „Eigenem“ beschäftigen sollen.  Hierzu müssen die Autoren dann eine Themeneinheit oder ein Kapitel entwickeln, ob sie das sinnvoll finden oder nicht. Ich erhoffe mir aber einen Paradigmenwechsel. Zumindest kündigt sich dieser in den jüngsten Empfehlungen der Kultusminister zur interkulturellen Bildung in Erziehung und Schule von 2013 an. Hier heißt es nämlich: „Schule soll Vielfalt zugleich als Normalität und als Potenzial für alle wahrnehmen und Schulbücher sollen geprüft werden „im Hinblick darauf, ob die vielschichtige, auch herkunftsbezogene Heterogenität der Schülerinnen und Schüler berücksichtigt ist.“ (KMK 2013, 8)

Übernommen von hier.

Promotionskolleg am Deutschen Institut für Menschenrechte mit Dr. Sandra Reitz, Leiterin der Abteilung Menschenrechtsbildung
Promotionskolleg auf Exkursion

Das Promotionskolleg “Bildungsintegration” hat vom 9. bis zum 10. Februar 2015 eine Exkursion nach Berlin veranstaltet. Wir haben den Migrationsrat Berlin Brandenburg e.V., das Berlin Institut für Migrationsforschung der HU-Berlin, das Jugend Museum Villa Global, die Antidiskriminierungsstelle des Bundes, das Deutsche Institut für Menschenrechte und die Fachstelle Kinderwelten für Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung besucht. Neben sehr interessanten Inputs haben wir auch anregende Diskussionen geführt.

 

 

Zur Debatte über die „Pegida“-Demonstrationen

Prof. Dr. Hannes Schammann und Professorin Dr. Viola B. Georgi haben in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung ein klares Statement zu der Pegida-Bewegung formuliert. Dieses können Sie gerne hier aufrufen: „Islamfeindlichkeit dient als Marketing für Pegida“

Als Mitglied des Rats für Migration (RfM) teilt das Zentrum für Bildungsintegration die Stellungnahmen des Rats für Migration zu den “Pegida”-Demonstrationen.

Die dazugehörige Pressemitteilung und Handouts können auf der Homepage des Rats für Migration eingesehen werden.
Außerdem hat die Tagesschau über die Pressekonferenz berichtet, hier als Video und als Artikel einsehbar.

 

Hier können Sie die Dokumente auch aufrufen:

PM_RfM_Pegida

Pegida_Einstellungen_BPK

Handout_Foroutan_PK

Handout_PK_Zick

Wie wir zusammenleben: Vielfalt in Bildungseinrichtungen in Israel und Deutschland

Worte und Klänge verbinden junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Haifa und Hildesheim. Nach dem Austausch über Forschungsmethoden in Hildesheim geht es weiter nach Berlin: In der Antidiskriminierungsstelle des Bundes erfahren sie mehr über das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Mit der Jungen Islamkonferenz kommen sie über den Islam als drittgrößte Religion in Deutschland ins Gespräch. Mit der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus sprechen sie über Bildungsmaterialien in der Einwanderungsgesellschaft.

Instrumente haben nun einmal die Eigenschaft, zu klingen. Nach einer Stunde Rundgang durch die Räume der ehemaligen Timotheuskirche drängt sich ihr Wesenszug immer stärker auf – von Professor Raimund Vogels erfahren die israelischen und deutschen Forscherinnen und Forscher zunächst mehr über die Digitalisierung von Musikarchiven, etwa in Ägypten und Iran. Vogels gibt Einblicke in Forschungsmethoden und berichtet vom Interesse der Musikethnologen, mehr darüber zu erfahren, warum Menschen Musik lieben oder sie ablehnen und wie Musik Aggressionen auslösen oder überwinden kann.

An diesem Novembertag sitzen 20 Nachwuchswissenschaftler inmitten von Glasvitrinen. Darin: eine der größten privaten Sammlungen außereuropäischer Musikinstrumente. Der ehemalige Lehrer Rolf Irle hat die Klangkörper in 50 Jahren zusammengetragen – und der Universität gestiftet, unter der Bedingung, dass sie zugänglich ist, in der Lehrerausbildung zum Einsatz kommt und erforscht wird. Dazwischen: ein Stuhlkreis. Ob die Instrumente noch klingen, fragt ein junger Israeli. Raimund Vogels vom Center for World Music der Universität Hildesheim spürt die große Neugier im Raum, den Instrumenten ihre Klänge zu entlocken. Was kann man da anderes tun, als die Türen der Vitrinen zu öffnen? Und schon landen die Klangkörper in Händen, an Mündern, auf Oberschenkeln; Töne einer Kurzhalslaute erklingen. Herzliches Lachen, intensive Gespräche, Klänge – ein drei Monate junges Kind einer israelischen Forscherin lässt sich davon nicht beunruhigen und gluckst in die Runde.

Im Gespräch: Erziehungswissenschaftlerin Viola B. Georgi

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Seit einem Jahr läuft das Forschungsprojekt der Universitäten Haifa und Hildesheim. Die israelischen und deutschen Wissenschaftler aus den Bereichen Pädagogik, Musikwissenschaft, Religionswissenschaft, Geographie und Soziologie befassen sich mit Vielfalt in Bildungseinrichtungen und wie wir zusammenleben. Sie gehen in Jugendclubs, Schulen, Theater und Stadtteilversammlungen, länderübergreifend bilden sie Tandems und tauschen sich über Forschungsmethoden aus. Isa Lange sprach mit der Hildesheimer Professorin Viola Georgi. Gemeinsam mit ihrem Kollegen aus Haifa, Professor Yotom Hotam, leitet sie das Projekt „Diversity in Israel und Deutschland”, das von der Stiftung Deutsch-Israelisches Zukunftsforum gefördert wird.

Einige untersuchen die Wirkung von Integrationskursen, andere werten mehrsprachige Schulprogramme aus und untersuchen am Beispiel russischsprachiger Einwanderer, wie Schulen und Eltern zusammenarbeiten. Zeigen die empirischen Forschungsarbeiten in Ihrem Projekt, wie Vielfalt und Interkulturalität im Alltag angekommen sind?

Viola Georgi: Die Arbeiten zeigen den Alltag gelebter Vielfalt in Deutschland und Israel. Sie zeigen aber auch, wo es Grenzen und Friktionen gibt. Das hat viel mit dem historischen Gewordensein und dem politischen Selbstverständnis zu tun. Wir erfahren – mit einem durch die Forschungsprojekte fokussierten Blick – wie Diversity in beiden Gesellschaften konkret verhandelt wird. Zugleich ist spannend, wie die unterschiedlichen theoretischen und methodischen Zugangsweisen der Promovierenden diese Vielfalt thematisieren und sichtbar machen. Wie werden Muslime und der Islam in israelischen Schulbüchern repräsentiert? Wie können traditionelle religiöse Lebensentwürfe jüdisch-orthodoxer Frauen feministisch gelesen werden? Wie sehen Lehrerinnen und Lehrer mit Migrationshintergrund die schulische Praxis in der Einwanderungsgesellschaft? Welche reformpädagogischen Konzepte eignen sich besonders für den Umgang mit einer heterogenen Schülerschaft? Neben der Diskussion über den theoretischen und methodischen Zuschnitt der Forschungsprojekte, ermöglichen „field trips“ vor Ort einen praktischen und direkten Blick auf die Forschungsfelder.

In der aktuellen Forschungswerkstatt befassen Sie sich mit dem Thema „Bildungsdilemma in Zeiten von Konflikten”. Was ist damit gemeint?

Viola Georgi: Hier geht es unter anderem darum, Probleme und Dilemmata von  Bildungsinstitutionen in Krisenregionen – insbesondere mit Blick auf den Nahostkonflikt – zu diskutieren. Wie werden Krieg und Konflikt in den Schulen und Bildungseinrichtungen „freiwillig“ oder „unfreiwillig“ zum Thema gemacht? Wie gehen Lehrerinnen und Lehrer mit dieser Situation um? Welche Konzepte von civic education können hier unterstützend wirken?

Dann geht es weiter nach Berlin. Was ist in der Antidiskriminierungsstelle des Bunds und bei der Jungen Islam Konferenz geplant?

Viola Georgi: Die Teilnehmenden werden die vielfältigen Arbeits- und Handlungsfelder der Antidiskriminierungsstelle des Bundes kennenlernen und erfahren, wie das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (2006) in Deutschland umgesetzt wurde. Mit der Jungen Islamkonferenz wollen wir über den Islam als drittgrößte Religion in Deutschland ins Gespräch kommen. Mit der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus werden wir unter anderem Bildungskonzepte und Materialien diskutieren, die den Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft aufgreifen.

Sie kombinieren die Diskussion und den Austausch über Forschungsmethoden mit einem Kulturprogramm, das auch ein Statement ist: Sie tagen im Center for World Music der Universität Hildesheim zwischen Klangkörpern, eine der größten Sammlungen außereuropäischer Musikinstrumente. Und im Berliner Gorki-Theater werden Sie das Stück „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen” anschauen. Das Haus wurde gerade unter der Leitung von Shermin Langhoff und Jens Hillje, ein Absolvent der Hildesheimer Kulturwissenschaften, als Theater des Jahres ausgezeichnet und bringt ein Programm auf die Bühne, das den vielfältigen Biographien der Stadt gerecht zu werden versucht. Welche Rolle spielen diese gemeinsamen Begegnungen im Forschungsprozess und für das länderübergreifende Projekt?

Viola Georgi: Die Auseinandersetzung mit kultureller Bildung ist uns im Rahmen des Austauschs sehr wichtig. Sowohl das Center for World Music mit seinen spannenden musikethnologischen Projekten, als auch der Besuch des Gorki-Theaters bieten eine Möglichkeit gemeinsam, über diversitätsbewusste, rassimuskritische und postmigrantische künstlerische Praxis nachzudenken.

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Rassismuskritische Bildung

Mit Vorurteilen und ausgrenzenden Denk- und Deutungsmustern setzen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Zentrums für Bildungsintegration der Stiftung Universität Hildesheim auseinander. Kooperationspartner sind die Antidiskriminierungsstelle des Bundes und das Kultusministerium Niedersachsen. Die Ringvorlesung „Rassismuskritische Bildung in Theorie und Praxis” nimmt Theorien und Studien in den Blick, die sich mit der Geschichte und Gegenwart von Rassismen und ihrer Wirkung von der Kita bis zur Hochschule befassen, so Filiz Keküllüoğlu. Eröffnet wird die Ringvorlesung am 29. Oktober 2014 von Universitätspräsident Prof. Dr. Wolfgang-Uwe Friedrich, der Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Viola B. Georgi und Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Es folgen Vorlesungen über Ungleichheit, religiöse Zuschreibungen im pluralen Klassenzimmer, über den Umgang mit Antiziganismus und Rechtsextremismus in der Schule sowie ein Einblick über aktuelle bildungspolitische Vorhaben im Bereich der diversitätsbewussten und interkulturellen Unterrichts- und Schulentwicklungam Beispiel von Niedersachsen.

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Eintauchen in Alltag: Studien zu Teilhabe und Benachteiligung im Bildungssystem

Junge Forscherinnen und Forscher aus Sport, Musik und Sozialpädagogik befassen sich in empirischen Studien mit Teilhabe und Benachteiligung in Bildungssystemen. Die Themen sind vielfältig – und nah dran an unserem Alltag. Erste Einblicke in das neue Promotionskolleg am Zentrum für Bildungsintegration der Universität Hildesheim.

Katjuscha von Werthern etwa taucht in den Grundschulalltag in Berlin-Kreuzberg ein und untersucht dort, die Möglichkeiten und Grenzen „demokratischer Schulentwicklung“ und wie Eltern mit Migrationshintergrund sich an diesen Prozessen beteiligen. Sie wolle „gleich zu drei relevanten Bereichen der wissenschaftlichen, politischen und praktischen Debatte beitragen: Demokratisierung der Institution Schule, Möglichkeiten der Elternbeteiligung sowie das Verhältnis zwischen Schule und Familien mit Migrationshintergrund“. Anne Piezunka erfasst, wie Schulinspektionen in den Bundesländern die Qualität einzelner Schulen bewerten und welche Kriterien sie für „inklusive Schulen“ heranziehen. Ob Projekte von privaten und staatlich finanzierten Trägern wie „Teach first“, „Xenos“ oder „Schule ohne Rassismus“ Bildungsbenachteiligung an Schulen abbauen können, wurde bisher nicht systematisch untersucht. Können solche schulexternen Akteure, Maßnahmen und Projekte überhaupt eine institutionelle Veränderung in Richtung Chancengleichheit an einer Bildungsinstitution voranbringen – das fragt Seyran Bostanci. Werden sie ihrem Anspruch gerecht und wie begründen sie das schlechte Abschneiden etwa von Kindern mit Migrationshintergrund – sehen sie es als ein Produkt des Bildungssystems oder als persönliches Defizit, das es zu beheben gilt? Die Wissenschaftlerin führt Interviews mit den Projektmachern und analysiert Dokumente.

Welche Vorstellungen Schülerinnen und Schüler über China haben und ob im Schulunterricht Vorurteile über China sowie Chinesen reproduziert oder aufgebrochen werden – diesen Fragen geht Sara Poma Poma nach, indem sie Schüler der Oberstufe in Niedersachsen und an deutschen Schulen in China befragt.

Eine Generation später setzt Friederike Dobutowitsch an: Sie untersucht, welche Rolle „migrationsbedingte Mehrsprachigkeit“ an der Universität spielt. „Studierende ‚mit Migrationshintergrund‘ erfahren zunehmende Aufmerksamkeit. Der Nationale Aktionsplan Integration schreibt fest, dass mehr Schülerinnen und Schüler mit weniger privilegierten Zugangsmöglichkeiten für ein Hochschulstudium gewonnen werden sollen“, so Dobutowitsch. Zudem wollen Hochschulen internationaler werden – doch die Mehrsprachigkeit der Studierenden werde in diesem Zusammenhang bisher kaum wahrgenommen. Andererseits ist es möglich, an der Universität weitaus mehr Sprachen zertifizieren zu lassen als beispielsweise an der Schule. Deshalb untersucht die Pädagogin, wann Studierende Mehrsprachigkeit als Ressource wahrnehmen und warum sie in Herkunftssprachen investieren.

Samuel Mund befasst sich mit dem „eurozentrischen Blick“ in der musikalischen Bildung und der UNESCO-Konvention zum Erhalt der kulturellen Vielfalt. Sein Feldlabor ist vor der Haustür: Am Center for World Music der Hildesheimer Uni untersucht er, wie Lehrkräfte, Erzieherinnen und Musiker die musikalische Vielfalt in ihrer Arbeit in Stadtteilen, Jugendzentren und Schulen aufgreifen. Wie sich die Wohlfahrtspflege interkulturell aufstellt, etwa durch Schulungen des Personals, – das will Jolanta Voß in Experteninterviews herausfinden. Angesichts der demografischen Entwicklung und des Fachkräftemangels werde der Umgang mit Vielfalt in Krankenhäusern, Kitas und Altenheimen relevanter. Vereinzelt gebe es Fallstudien, doch „es existiert kaum eine verbandsübergreifende Untersuchung zu Diversity-Prozessen in den deutschen Wohlfahrtsorganisationen“.

Die Stipendien sind über zwei Jahre mit 1.200 Euro plus Forschungspauschale dotiert. „Wir freuen uns über die Qualität der Promotionsprojekte, die allesamt wichtige bildungspolitische Fragestellungen der Migrationsgesellschaft beleuchten und richtungsweisende Ergebnisse für Wissenschaft und Praxis erwarten lassen“, so Viola Georgi, Professorin für Diversity Education. Die Niedersächsische Landesregierung steuert 2,85 Millionen Euro zur Weiterentwicklung des Schwerpunkts „Bildungsintegration“ an der Universität Hildesheim bei.

Mehr zum Thema Bildungsintegration im Uni-Journal

„Ihr Ziel: Richtungsweisende Ergebnisse”, Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Von: Pressestelle, Isa Lange

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Mehrsprachige Kinder

Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, berichten über ihre Lebenslagen und Sprachen. Die Fotografin Martina Henschke und die Autorin Tatjana Leichsering holen 37 Grundschulkinder aus der Anonymität der Masse. Die Ausstellung mit Porträts und ausführlichen Interviewpassagen ist bis Ende Juli am Hauptcampus der Uni Hildesheim zu sehen.

Deeqa zählt auf, was sie kann. „Somalisch, Englisch, Deutsch und etwas Französisch, Arabisch und ein bisschen Türkisch.” Sie entdeckt in den Sprachen Ähnlichkeiten und beobachtet, wie etwa in ihrer Familie arabische und afrikanische Sprachen gemischt werden. Deeqa ist in Frankfurt geboren und hat dort „von meinen Freundinnen Türkisch gelernt”. In Somalia, der Herkunft ihrer Eltern, war sie noch nie, aber die Sprache begleitet ihren Alltag.

Laura ist stolz auf ihr Heimatland, Portugal, in der Algarve. Aufgeschnappte Nachrichten aus Radio und Fernsehen wecken Sehnsucht: „Wenn ich manchmal die Bilder davon im Fernsehen sehe, würd ich da gerne sein.” Laura ist in Deutschland geboren und hat in Portugal laufen und sprechen gelernt – erst später folgten Deutsch und Englisch. Heute spricht Lauras Vater mit ihr Portugiesich, Laura antwortet dann auf Deutsch. „Weil ich mich ans Deutschsprechen mehr gewöhnt habe.”

Ermal ist in Frankfurt geboren, geht in die erste Klasse. Er macht am allerliebsten Plusaufgaben und guckt Bücher mit seiner Mama an. „Ich hab keine Bücher, aber ich leih mir Dinosaurierbücher aus.“ Dann stapft er alleine in die Bücherei und kommt mit einem Stapel zurück. Mit seinen Eltern spricht Ermal Albanisch, selten Deutsch. Auch Träumen funktioniert in zwei Sprachen. „Ich kann nichts anderes sprechen.”

Das Lieblingsfach von Joanne? Schwimmen und Deutsch! Joanne glaubt, dass sie Deutsch besser als Thai sprechen kann. „Weil ich hier geboren bin.“ Sie war noch nie in Thailand, spricht aber Thailändisch mit ihrer Mama. Die Familie ist weltweit zerstreut, der Austausch manchmal kaum möglich. „Mein Cousin kommt aus England und ich aus Deutschland und wir können nicht miteinander reden.”

Diese vier Kinder erzählen, wie sie mehrsprachig aufwachsen, was ihre Lieblingssprache ist, was sie gut und vielleicht noch nicht so gut beherrschen. Im Projekt „Kinder Deutschlands” holen die Fotografin Martina Henschke und die Autorin Tatjana Leichsering 37 Kinder im Grundschulalter aus Frankfurt am Main aus der Anonymität der Masse. Während des bundesweiten Diversity-Tags, in Hildesheim organisiert vom Zentrum für Bildungsintegration, haben sie Einblick in die Recherchen gegeben. Statt abstrakte Begriffe und Statistiken lassen sie Kinder sprechen. Sie äußern sich zu ihrer Herkunft, Sprache, Identität und ihren Lebenswelten. Oft gerät Mehrsprachigkeit zum Hindernis, Sprachschwierigkeiten und kulturelle Unterschiede stehen im Vordergrund. Statt ein Kind zu sein, wird es zum Problemverursacher. Die Ausstellung an der Uni Hildesheim – an der Professorinnen für Deutsch als Zweitsprache und Mehrsprachigkeit forschen – lädt ein, Chancen in der Mehrsprachigkeit zu erkennen. Die Jüngsten, über die man so viel diskutiert, kommen zu Wort.

Mehrere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befassen sich in Hildesheim mit der Frage, wie Kinder mehrsprachig aufwachsen und eine zweite Sprache erwerben. An der Universität werden untere anderem Lehrkräfte in einem Masterstudiengang „Deutsch als Zweitsprache / Deutsch als Fremdsprache” für die Sprachförderung in Schulen ausgebildet. Mit interkultureller Lehrerbildung und Schulentwicklung befassen sich Forscher am „Zentrum für Bildungsintegration – Diversität und Demokratie in Migrationsgesellschaften“. Ein Arbeitsschwerpunkt ist, wie Kinder mehrsprachig aufwachsen und Schulen damit umgehen.

Die Ausstellung ist bis Ende Juli 2014 an der Hildesheimer Uni (Hauptcampus, vor dem Audimax) zu sehen und öffentlich und kostenfrei. Wer die Ausstellung nicht vor Ort begehen kann, erhält online erste Einblicke:

„Mein Heimatland finde ich cool”, Deutsche Welle, Bildergalerie und Kommentar, 04.06.2014
Von: Pressestelle, Isa Lange

DIE WELT über die Gründung des Zentrums für Bildungsintegration der Universität Hildesheim

„Die Universität Hildesheim will ethnische, religiöse, kulturelle, soziale und sprachliche Aspekte der Einwanderungsgesellschaft erforschen”, fasst DIE WELT zusammen und verweist auf die Gründung des „Zentrums für Bildungsintegration – Diversity und Demokratie in Migrationsgesellschaften”. Das neue Zentrum „leiste einen wichtigen Beitrag zum Abbau der Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund”, so Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic in der WELT.

„Hildesheim: Uni gründet Zentrum für Bildungsintegration”, Die Welt, 22.02.2014 (print und online)

Kontakt zu den Forschern über die Pressestelle (Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, 05121.883-90100 und 0177.8605905)

Von: Die Welt, Stephan Maaß
Kategorie: Erziehungswissenschaft, Zentrum für Bildungsintegration, Pressespiegel überregional