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Posts Tagged : Deutsch-Israelisches Austauschprojekt

Wie wir zusammenleben: Vielfalt in Bildungseinrichtungen in Israel und Deutschland

Worte und Klänge verbinden junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Haifa und Hildesheim. Nach dem Austausch über Forschungsmethoden in Hildesheim geht es weiter nach Berlin: In der Antidiskriminierungsstelle des Bundes erfahren sie mehr über das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Mit der Jungen Islamkonferenz kommen sie über den Islam als drittgrößte Religion in Deutschland ins Gespräch. Mit der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus sprechen sie über Bildungsmaterialien in der Einwanderungsgesellschaft.

Instrumente haben nun einmal die Eigenschaft, zu klingen. Nach einer Stunde Rundgang durch die Räume der ehemaligen Timotheuskirche drängt sich ihr Wesenszug immer stärker auf – von Professor Raimund Vogels erfahren die israelischen und deutschen Forscherinnen und Forscher zunächst mehr über die Digitalisierung von Musikarchiven, etwa in Ägypten und Iran. Vogels gibt Einblicke in Forschungsmethoden und berichtet vom Interesse der Musikethnologen, mehr darüber zu erfahren, warum Menschen Musik lieben oder sie ablehnen und wie Musik Aggressionen auslösen oder überwinden kann.

An diesem Novembertag sitzen 20 Nachwuchswissenschaftler inmitten von Glasvitrinen. Darin: eine der größten privaten Sammlungen außereuropäischer Musikinstrumente. Der ehemalige Lehrer Rolf Irle hat die Klangkörper in 50 Jahren zusammengetragen – und der Universität gestiftet, unter der Bedingung, dass sie zugänglich ist, in der Lehrerausbildung zum Einsatz kommt und erforscht wird. Dazwischen: ein Stuhlkreis. Ob die Instrumente noch klingen, fragt ein junger Israeli. Raimund Vogels vom Center for World Music der Universität Hildesheim spürt die große Neugier im Raum, den Instrumenten ihre Klänge zu entlocken. Was kann man da anderes tun, als die Türen der Vitrinen zu öffnen? Und schon landen die Klangkörper in Händen, an Mündern, auf Oberschenkeln; Töne einer Kurzhalslaute erklingen. Herzliches Lachen, intensive Gespräche, Klänge – ein drei Monate junges Kind einer israelischen Forscherin lässt sich davon nicht beunruhigen und gluckst in die Runde.

Im Gespräch: Erziehungswissenschaftlerin Viola B. Georgi

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Seit einem Jahr läuft das Forschungsprojekt der Universitäten Haifa und Hildesheim. Die israelischen und deutschen Wissenschaftler aus den Bereichen Pädagogik, Musikwissenschaft, Religionswissenschaft, Geographie und Soziologie befassen sich mit Vielfalt in Bildungseinrichtungen und wie wir zusammenleben. Sie gehen in Jugendclubs, Schulen, Theater und Stadtteilversammlungen, länderübergreifend bilden sie Tandems und tauschen sich über Forschungsmethoden aus. Isa Lange sprach mit der Hildesheimer Professorin Viola Georgi. Gemeinsam mit ihrem Kollegen aus Haifa, Professor Yotom Hotam, leitet sie das Projekt „Diversity in Israel und Deutschland”, das von der Stiftung Deutsch-Israelisches Zukunftsforum gefördert wird.

Einige untersuchen die Wirkung von Integrationskursen, andere werten mehrsprachige Schulprogramme aus und untersuchen am Beispiel russischsprachiger Einwanderer, wie Schulen und Eltern zusammenarbeiten. Zeigen die empirischen Forschungsarbeiten in Ihrem Projekt, wie Vielfalt und Interkulturalität im Alltag angekommen sind?

Viola Georgi: Die Arbeiten zeigen den Alltag gelebter Vielfalt in Deutschland und Israel. Sie zeigen aber auch, wo es Grenzen und Friktionen gibt. Das hat viel mit dem historischen Gewordensein und dem politischen Selbstverständnis zu tun. Wir erfahren – mit einem durch die Forschungsprojekte fokussierten Blick – wie Diversity in beiden Gesellschaften konkret verhandelt wird. Zugleich ist spannend, wie die unterschiedlichen theoretischen und methodischen Zugangsweisen der Promovierenden diese Vielfalt thematisieren und sichtbar machen. Wie werden Muslime und der Islam in israelischen Schulbüchern repräsentiert? Wie können traditionelle religiöse Lebensentwürfe jüdisch-orthodoxer Frauen feministisch gelesen werden? Wie sehen Lehrerinnen und Lehrer mit Migrationshintergrund die schulische Praxis in der Einwanderungsgesellschaft? Welche reformpädagogischen Konzepte eignen sich besonders für den Umgang mit einer heterogenen Schülerschaft? Neben der Diskussion über den theoretischen und methodischen Zuschnitt der Forschungsprojekte, ermöglichen „field trips“ vor Ort einen praktischen und direkten Blick auf die Forschungsfelder.

In der aktuellen Forschungswerkstatt befassen Sie sich mit dem Thema „Bildungsdilemma in Zeiten von Konflikten”. Was ist damit gemeint?

Viola Georgi: Hier geht es unter anderem darum, Probleme und Dilemmata von  Bildungsinstitutionen in Krisenregionen – insbesondere mit Blick auf den Nahostkonflikt – zu diskutieren. Wie werden Krieg und Konflikt in den Schulen und Bildungseinrichtungen „freiwillig“ oder „unfreiwillig“ zum Thema gemacht? Wie gehen Lehrerinnen und Lehrer mit dieser Situation um? Welche Konzepte von civic education können hier unterstützend wirken?

Dann geht es weiter nach Berlin. Was ist in der Antidiskriminierungsstelle des Bunds und bei der Jungen Islam Konferenz geplant?

Viola Georgi: Die Teilnehmenden werden die vielfältigen Arbeits- und Handlungsfelder der Antidiskriminierungsstelle des Bundes kennenlernen und erfahren, wie das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (2006) in Deutschland umgesetzt wurde. Mit der Jungen Islamkonferenz wollen wir über den Islam als drittgrößte Religion in Deutschland ins Gespräch kommen. Mit der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus werden wir unter anderem Bildungskonzepte und Materialien diskutieren, die den Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft aufgreifen.

Sie kombinieren die Diskussion und den Austausch über Forschungsmethoden mit einem Kulturprogramm, das auch ein Statement ist: Sie tagen im Center for World Music der Universität Hildesheim zwischen Klangkörpern, eine der größten Sammlungen außereuropäischer Musikinstrumente. Und im Berliner Gorki-Theater werden Sie das Stück „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen” anschauen. Das Haus wurde gerade unter der Leitung von Shermin Langhoff und Jens Hillje, ein Absolvent der Hildesheimer Kulturwissenschaften, als Theater des Jahres ausgezeichnet und bringt ein Programm auf die Bühne, das den vielfältigen Biographien der Stadt gerecht zu werden versucht. Welche Rolle spielen diese gemeinsamen Begegnungen im Forschungsprozess und für das länderübergreifende Projekt?

Viola Georgi: Die Auseinandersetzung mit kultureller Bildung ist uns im Rahmen des Austauschs sehr wichtig. Sowohl das Center for World Music mit seinen spannenden musikethnologischen Projekten, als auch der Besuch des Gorki-Theaters bieten eine Möglichkeit gemeinsam, über diversitätsbewusste, rassimuskritische und postmigrantische künstlerische Praxis nachzudenken.