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Posts Tagged : Zentrum für Bildungsintegration

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Eintauchen in Alltag: Studien zu Teilhabe und Benachteiligung im Bildungssystem

Junge Forscherinnen und Forscher aus Sport, Musik und Sozialpädagogik befassen sich in empirischen Studien mit Teilhabe und Benachteiligung in Bildungssystemen. Die Themen sind vielfältig – und nah dran an unserem Alltag. Erste Einblicke in das neue Promotionskolleg am Zentrum für Bildungsintegration der Universität Hildesheim.

Katjuscha von Werthern etwa taucht in den Grundschulalltag in Berlin-Kreuzberg ein und untersucht dort, die Möglichkeiten und Grenzen „demokratischer Schulentwicklung“ und wie Eltern mit Migrationshintergrund sich an diesen Prozessen beteiligen. Sie wolle „gleich zu drei relevanten Bereichen der wissenschaftlichen, politischen und praktischen Debatte beitragen: Demokratisierung der Institution Schule, Möglichkeiten der Elternbeteiligung sowie das Verhältnis zwischen Schule und Familien mit Migrationshintergrund“. Anne Piezunka erfasst, wie Schulinspektionen in den Bundesländern die Qualität einzelner Schulen bewerten und welche Kriterien sie für „inklusive Schulen“ heranziehen. Ob Projekte von privaten und staatlich finanzierten Trägern wie „Teach first“, „Xenos“ oder „Schule ohne Rassismus“ Bildungsbenachteiligung an Schulen abbauen können, wurde bisher nicht systematisch untersucht. Können solche schulexternen Akteure, Maßnahmen und Projekte überhaupt eine institutionelle Veränderung in Richtung Chancengleichheit an einer Bildungsinstitution voranbringen – das fragt Seyran Bostanci. Werden sie ihrem Anspruch gerecht und wie begründen sie das schlechte Abschneiden etwa von Kindern mit Migrationshintergrund – sehen sie es als ein Produkt des Bildungssystems oder als persönliches Defizit, das es zu beheben gilt? Die Wissenschaftlerin führt Interviews mit den Projektmachern und analysiert Dokumente.

Welche Vorstellungen Schülerinnen und Schüler über China haben und ob im Schulunterricht Vorurteile über China sowie Chinesen reproduziert oder aufgebrochen werden – diesen Fragen geht Sara Poma Poma nach, indem sie Schüler der Oberstufe in Niedersachsen und an deutschen Schulen in China befragt.

Eine Generation später setzt Friederike Dobutowitsch an: Sie untersucht, welche Rolle „migrationsbedingte Mehrsprachigkeit“ an der Universität spielt. „Studierende ‚mit Migrationshintergrund‘ erfahren zunehmende Aufmerksamkeit. Der Nationale Aktionsplan Integration schreibt fest, dass mehr Schülerinnen und Schüler mit weniger privilegierten Zugangsmöglichkeiten für ein Hochschulstudium gewonnen werden sollen“, so Dobutowitsch. Zudem wollen Hochschulen internationaler werden – doch die Mehrsprachigkeit der Studierenden werde in diesem Zusammenhang bisher kaum wahrgenommen. Andererseits ist es möglich, an der Universität weitaus mehr Sprachen zertifizieren zu lassen als beispielsweise an der Schule. Deshalb untersucht die Pädagogin, wann Studierende Mehrsprachigkeit als Ressource wahrnehmen und warum sie in Herkunftssprachen investieren.

Samuel Mund befasst sich mit dem „eurozentrischen Blick“ in der musikalischen Bildung und der UNESCO-Konvention zum Erhalt der kulturellen Vielfalt. Sein Feldlabor ist vor der Haustür: Am Center for World Music der Hildesheimer Uni untersucht er, wie Lehrkräfte, Erzieherinnen und Musiker die musikalische Vielfalt in ihrer Arbeit in Stadtteilen, Jugendzentren und Schulen aufgreifen. Wie sich die Wohlfahrtspflege interkulturell aufstellt, etwa durch Schulungen des Personals, – das will Jolanta Voß in Experteninterviews herausfinden. Angesichts der demografischen Entwicklung und des Fachkräftemangels werde der Umgang mit Vielfalt in Krankenhäusern, Kitas und Altenheimen relevanter. Vereinzelt gebe es Fallstudien, doch „es existiert kaum eine verbandsübergreifende Untersuchung zu Diversity-Prozessen in den deutschen Wohlfahrtsorganisationen“.

Die Stipendien sind über zwei Jahre mit 1.200 Euro plus Forschungspauschale dotiert. „Wir freuen uns über die Qualität der Promotionsprojekte, die allesamt wichtige bildungspolitische Fragestellungen der Migrationsgesellschaft beleuchten und richtungsweisende Ergebnisse für Wissenschaft und Praxis erwarten lassen“, so Viola Georgi, Professorin für Diversity Education. Die Niedersächsische Landesregierung steuert 2,85 Millionen Euro zur Weiterentwicklung des Schwerpunkts „Bildungsintegration“ an der Universität Hildesheim bei.

Mehr zum Thema Bildungsintegration im Uni-Journal

„Ihr Ziel: Richtungsweisende Ergebnisse”, Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Von: Pressestelle, Isa Lange

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Mehrsprachige Kinder

Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, berichten über ihre Lebenslagen und Sprachen. Die Fotografin Martina Henschke und die Autorin Tatjana Leichsering holen 37 Grundschulkinder aus der Anonymität der Masse. Die Ausstellung mit Porträts und ausführlichen Interviewpassagen ist bis Ende Juli am Hauptcampus der Uni Hildesheim zu sehen.

Deeqa zählt auf, was sie kann. „Somalisch, Englisch, Deutsch und etwas Französisch, Arabisch und ein bisschen Türkisch.” Sie entdeckt in den Sprachen Ähnlichkeiten und beobachtet, wie etwa in ihrer Familie arabische und afrikanische Sprachen gemischt werden. Deeqa ist in Frankfurt geboren und hat dort „von meinen Freundinnen Türkisch gelernt”. In Somalia, der Herkunft ihrer Eltern, war sie noch nie, aber die Sprache begleitet ihren Alltag.

Laura ist stolz auf ihr Heimatland, Portugal, in der Algarve. Aufgeschnappte Nachrichten aus Radio und Fernsehen wecken Sehnsucht: „Wenn ich manchmal die Bilder davon im Fernsehen sehe, würd ich da gerne sein.” Laura ist in Deutschland geboren und hat in Portugal laufen und sprechen gelernt – erst später folgten Deutsch und Englisch. Heute spricht Lauras Vater mit ihr Portugiesich, Laura antwortet dann auf Deutsch. „Weil ich mich ans Deutschsprechen mehr gewöhnt habe.”

Ermal ist in Frankfurt geboren, geht in die erste Klasse. Er macht am allerliebsten Plusaufgaben und guckt Bücher mit seiner Mama an. „Ich hab keine Bücher, aber ich leih mir Dinosaurierbücher aus.“ Dann stapft er alleine in die Bücherei und kommt mit einem Stapel zurück. Mit seinen Eltern spricht Ermal Albanisch, selten Deutsch. Auch Träumen funktioniert in zwei Sprachen. „Ich kann nichts anderes sprechen.”

Das Lieblingsfach von Joanne? Schwimmen und Deutsch! Joanne glaubt, dass sie Deutsch besser als Thai sprechen kann. „Weil ich hier geboren bin.“ Sie war noch nie in Thailand, spricht aber Thailändisch mit ihrer Mama. Die Familie ist weltweit zerstreut, der Austausch manchmal kaum möglich. „Mein Cousin kommt aus England und ich aus Deutschland und wir können nicht miteinander reden.”

Diese vier Kinder erzählen, wie sie mehrsprachig aufwachsen, was ihre Lieblingssprache ist, was sie gut und vielleicht noch nicht so gut beherrschen. Im Projekt „Kinder Deutschlands” holen die Fotografin Martina Henschke und die Autorin Tatjana Leichsering 37 Kinder im Grundschulalter aus Frankfurt am Main aus der Anonymität der Masse. Während des bundesweiten Diversity-Tags, in Hildesheim organisiert vom Zentrum für Bildungsintegration, haben sie Einblick in die Recherchen gegeben. Statt abstrakte Begriffe und Statistiken lassen sie Kinder sprechen. Sie äußern sich zu ihrer Herkunft, Sprache, Identität und ihren Lebenswelten. Oft gerät Mehrsprachigkeit zum Hindernis, Sprachschwierigkeiten und kulturelle Unterschiede stehen im Vordergrund. Statt ein Kind zu sein, wird es zum Problemverursacher. Die Ausstellung an der Uni Hildesheim – an der Professorinnen für Deutsch als Zweitsprache und Mehrsprachigkeit forschen – lädt ein, Chancen in der Mehrsprachigkeit zu erkennen. Die Jüngsten, über die man so viel diskutiert, kommen zu Wort.

Mehrere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befassen sich in Hildesheim mit der Frage, wie Kinder mehrsprachig aufwachsen und eine zweite Sprache erwerben. An der Universität werden untere anderem Lehrkräfte in einem Masterstudiengang „Deutsch als Zweitsprache / Deutsch als Fremdsprache” für die Sprachförderung in Schulen ausgebildet. Mit interkultureller Lehrerbildung und Schulentwicklung befassen sich Forscher am „Zentrum für Bildungsintegration – Diversität und Demokratie in Migrationsgesellschaften“. Ein Arbeitsschwerpunkt ist, wie Kinder mehrsprachig aufwachsen und Schulen damit umgehen.

Die Ausstellung ist bis Ende Juli 2014 an der Hildesheimer Uni (Hauptcampus, vor dem Audimax) zu sehen und öffentlich und kostenfrei. Wer die Ausstellung nicht vor Ort begehen kann, erhält online erste Einblicke:

„Mein Heimatland finde ich cool”, Deutsche Welle, Bildergalerie und Kommentar, 04.06.2014
Von: Pressestelle, Isa Lange